Schamanismus und Religion

Sich beruflich mit Schamanismus beschäftigende Fachleute, wie vergleichende Religionswissenschaftler oder bei Naturvölkern tätige Missionare, erklären den Begriff gerne als eine Art mythologisch geprägter animistischer Religion. Dies ist jedoch ein Trugschluß, der auf einer meist voreingenommenen Beobachtungsweise beruht. Sicher in einigen Kulturkreisen gibt es sehr wohl ein Schamanenpriestertum,  doch handelt es sich beim Schamanismus ganz sicher um keine Religion in engeren Sinn. In manchen Völkern ist die Priesterkaste streng von jener der Schamanen getrennt, und nicht selten konkurrieren beide miteinander. Auch ist bei indigenen Naturvölkern der Animismus weit verbreitet, aber ebenso gibt es – um nur zwei Beispiele zu nennen – in der Südsahara oder auf den Philippinen nicht wenige sich streng an den Koran haltende Schamanen, die somit Anhänger einer monotheistischen Offenbarungsreligion sind. Grundsätzlich ist Schamanismus nicht unbedingt an eine bestimmte religiöse Vorstellung gebunden.

Von dem deutschen Philosophen und Metaphysiker Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist der Satz überliefert: „Wenn die Wirklichkeit nicht mit meinen Theorien übereinstimmt, ist das um so schlimmer für die Wirklichkeit.“ Kein Schamane wird sich diesem Gedanken anschließen, sie nehmen die Wirklichkeit so, wie sie sich ihnen darstellt, ohne ständig nachzufragen, warum etwas ist, wie es ist. Falls jemandem dieser Vergleich zu gewagt erscheint, der möge an die moderne Tiefenpsychologie denken, die mit wissenschaftlich so vagen Begriffen wie Traumanalyse, Hypnose, Farb- und Klangtherapie oder Rückführungen
arbeitet. Es ist beachtlich, was die mit den exakten Wissenschaften nicht fassbare
Tiefenpsychologie seit ihrer Begründung durch Sigmund Freud vor nicht viel mehr als zwei bis drei Generationen innerhalb eines Kulturkreises erreicht hat. Vergleichen dazu, blickt die wissenschaftlich ebenfalls kaum faßbare schamanische Methodik auf mindestens 40jahrtausende spirituelles Erfahrungswissen in nahezu allen Kulturen der Welt zurück (älteste wahrscheinlichste Datierung von Felszeichnungen australischer Aborigines – 40.000 Jahre, älteste als Schamane nachgewiesene Darstellung in Europa – Höhle von Lascaux 14.000 Jahre).
Es gibt zwei Vorurteile gegenüber dem Schamanismus, die am häufigsten von
Schulmedizinern und Psychologen zu hört sind. Die einen bezeichnen Schamanen als geistesgestört und setzen deren ekstaseähnliche Bewußtseinszustände mit den Anfällen von Epileptikern gleich. Dieser Irrtum rührt daher, dass bei Völkern mit vermehrt auftretender Epilepsie, tatsächlich Epileptiker meistens Schamanen sind. Das zweite Vorurteil gründet in
dem Fakt, dass Menschen in für den Schamanismus typischen Trancezuständen, endogene Opiate erzeugen, die nach Meinung einiger Schulmediziner zu Wahnvorstellungen führen.
Der abwertende Begriff Wahnvorstellungen, wird jenen komplexen Prozessen wohl kaum gerecht, in denen Schamanen mittels Trancezuständen in der Lage sind, sich selbst oder andere Menschen körperlich und seelisch zu festigen und unter Umständen sogar zu heilen.
Vielerorts bezeichnen sich Schamanen selbst als geheilte Heiler. Es sind Menschen, die durch schwere Leiden gegangen sind, den Weg zur Genesung fanden und im Lauf dieser Zeit erkannten, wie sie auch anderen helfen können.

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